Fahrt zur Jamtalhütte oder, mit dem Rollstuhl in die Berge

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Im November 2014 trafen  sich die GäMSen zur  Jahres-Mitgliederversammlung. Ein Tagesordnungspunkt u.a. war die Sommertour 2015. Das Interesse  und die Neugier waren enorm, denn es hielt sich hartnäckig das Gerücht, dass Dennis und Peter  etwas Großes vorstellen würden. Was dann in einer Präsentation über den Beamer ging war allerdings ein Ziel, welches viele von uns nicht ansatzweise hätten erahnen können. Die Elberfelder Hütte der Sektion  Wuppertal, 2346
m hoch gelegen, im Nationalpark Hohe Tauern. Aufstiegszeit von der Gemeinde Heiligenblut ca. 5 Std. Für uns Handicapler ein Ding der Unmöglichkeit.Wir waren baff- bis in der von Dennis perfekt inszenierten Power Point Präsentation plötzlich eine Helikopterflugaufnahme erschien.  Allen war sofort klar, JA!- das wollen wir. Solche Helikopterflüge sind in der Regel  nur für reine Materialflüge vorgesehen, zur Versorgung der Hütte. Das für uns GäMSen sonst nicht zugängliche Terrain der Elberfelderhütte war plötzlich ein erreichbares Ziel und es bot sich uns hier die Hoffnung per Ausnahmegenehmigung dort hinauffliegen zu können. Die Euphorie war riesig, viele von uns zu Tränen gerührt.  Im April dann die Ernüchterung,- nach hoffnungsvollen Versprechen und Worten seitens der zuständigen Behörden, deren Begeisterung für unser „Projekt“  zu Beginn riesig schien, scheiterte unser Vorhaben noch in der Planung. Die Begründung lautete: „Kommerzielle Flüge sind nicht erlaubt“.

DSC_0072Doch was machen GäMSen aus? U.a. haben Gämsen, unsere tierischen Verwandten, 32 Zähne! Und wie es der Zufall wollte taten sich genau 32 GäMSen auf und zeigten diese: Jetzt erst recht! Und so fiel die Entscheidung auf ein anderes Ziel und diese war im Nachhinein betrachtet die goldrichtige.

Vom Wuppertal im Bergischen Land aus starteten wir per Reisebus unsere Reise ins österreichische Galtür auf die 2165m hoch gelegenen Hütte im Jamtal. Nach gut 10 stündiger Fahrt erreichten wir das noch verschlafene Galtür um 6:30 Uhr in der Früh. Schnell war klar, wer so eine Reise tut, braucht eine Menge Organisationsgeschick, Helfer mit großem Engagement und riesige Berge an Ausrüstung, Material und Verpflegung:  Rollatoren, Rollis und ihre Motoren, Sicherungsgerät, Helme, Erste Hilfe, Schlingen, Bänder, Sauggriffe, Duschstühle, Karabiner, Trage, Toilettenzelt und und und…

Der Dorfplatz wurde ruck zuck erobert und unser Gepäck stand bereit mit Jeeps und Anhänger hinaufbefördert zu werden, mit ihnen der größte Teil unserer Gämsentruppe.

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DSC_0054Den Gletscher, zunächst in Wolken gehüllt fest im Blick wagten einige von uns den Aufstieg zur Jamtalhütte. Leichter Regen und ein kühles Lüftchen ermöglichte vielen von uns, ob mit Handbike oder per Stock und Fuß trotz großer Anstrengung an das knapp 600 Höhenmeter und 10 Km entfernte Ziel zu gelangen. Müde und erschöpft erholten wir uns beim ersten Abendbrot und es war sofort klar: Dieser Hütte wohnt ein Zauber inne. Einen riesen großen Dank an dieser Stelle der lieben Familie Lorenz und ihrem Team für das herzliche Willkommen und die Unterstützung während der ganzen Woche.

Am nächsten Morgen trafen wir uns, gestärkt durch das Frühstück, gegen 9:00 Uhr in unserem „Konferenzraum“, den wir in der gesamten Zeit zur freien Verfügung hatten. Hier war nicht nur Platz für die Morgengymnastik im Stuhlkreis, sondern auch Raum für unsere Physiotherapeutin Martina, die mit ihren heilenden Händen und ihrer mobilen Liege Hand an uns legte, uns hegte, pflegte und mit wachem Auge und offenem Ohr für uns da war. Es wurde stets geschaut und Rücksprache gehalten wie es der Truppe geht. Nach Befinden, Wünschen und Möglichkeiten wurden die täglichen Aktionen geplant. Wem es nach Ausruhen war, gab sich dem wunderschönen Anblick der Landschaft und ihrem leuchtenden Jamtalferner hin. Der an der Hütte nahe gelegene Gebirgsbach wurde zum“ Sonnenstrand“ erkoren, die Sonnenterasse direkt an der Hütte unter Schirmen und mit hervorragender Bewirtung gern in Anspruch genommen.

DSC_0220Während sich unsere Rollifahrer an die Klettermauer nahe der Hütte wagten, begab sich ein anderer Trupp in die hauseigene Kletterhalle zum Abseiltraining. Angeleitet durch unseren erfahrenen Dennis, lernten wir uns mit der „dritten Hand“, der sogenannten Prusik gezielt abzuseilen, bis es dann hinaus an den Felsen ging, das Gelernte direkt im Freien auszuprobieren. Nahe der Hütte auf einer Anhöhe bot sich uns dann die erste kleinere Abseilstrecke. Um dorthin zu gelangen bedurfte es für viele schon großer Anstrengung und nach Erreichen des Felsens zunächst eine Pause, bevor an das kraftraubende Abseilen zu denken war. Dem Willen und der großen Freude tat dies jedoch keinen Abbruch. Das Team der Helfer gab in jeder Situation alles. Im Bewusstsein stets die Schwächen eines jeden Einzelnen von uns Handicaplern. Ein großes Glück und eine riesen Leistung. Harmonie- wie beschreibt man dieses seltene Gruppengefüge? Um es mit den Worten von Christian, einer GäMSe erster Stunde zu sagen: „ Tierisches soziales Engagement aller Helfer und ich verspüre eine große Wärme in der Gruppe“.  Das gegenseitige Miteinander, die Freude über die vielen kleinen und großen Erfolge, aber auch den Frust eines jeden aufzufangen, Motivation zu geben, das macht diese Gruppe so besonders und stark. Den vielseitigen Auswirkungen dieser Krankheit boten wir im Fels aber auch auf kleinen Touren die Stirn. Bei einer Wanderung zum Breiten Wasser Richtung Heidelberger Hütte überwanden wir etliche Höhenmeter, vorbei an zutraulichen Kühen und blühendem Wollgras.  Der Weg hinauf zum hochgelegenen Kletterfelsen (für Gesunde eine rund 20 –minütige Gehstrecke auf schmalem Pfad) war an einem Tag eine besondere Herausforderung für uns. Stets ein „Stärkerer“ mit einem „Schwächeren“ gepaart, gleich einer Karawane, schlängelten wir uns den Weg hoch zum Fels. Manch einer, wackelig auf den Beinen und mit Stöcken ausgerüstet, meisterten wir gemeinsam und mit genügend Pausen und Ruhe diesen steilen Pfad. Auf dem oberen Plateau des Riegels angekommen bauten wir uns Sonnenschutz auf und nahmen uns gegenseitig die Angst vor dem gut 25 bis 30 Meter langen Abseilen. Zu zweit, je einen erfahrenen Kletterer zur Seite, seilten wir uns ab. Adrenalin pur, aber alle grinsten über beide Ohren unten angekommen zu sein. Ohne unsere lieben Helfer, die mit Seilkonstruktionen unsere Rollifahrer wie Sherpas huckepack nahmen, ihre Rollis hinterhertrugen, für Sonnensegel sorgten, Stöcke bereit hielten, zu schweres Gepäck abnahmen, Rollatoren immer in Sichtweite stellten und einen starken Arm beiseite boten, wo er gebraucht wurde; ohne diese aufopfernde Unterstützung hätten wir es nicht geschafft. Beim allabendlichen Zusammensein ließen wir den Tag Revue passieren. Und unser Gastgeschenk, einer von Andreas selbstgezimmerten „GäMSen-Uhr“ fand am letzten gemeinsamen Abend einen zu Tränen gerührten, wunderbaren Gastgeber. Das selbstgedichtete Lied zum Abschied oben drauf.
An dieser Stelle auch einen herzlichen Dank an das Busunternehmen Meinhardt und ihre beiden hervorragenden Busfahrer, die immer freundlich und zuvorkommend waren.

Es war eine gute Woche. Eine Wichtige in Bezug auf Willenskraft und Gemeinschaft. Auf dieser zauberhaften Jamtalhütte,-  und dem Motto der Familie Lorenz ganz gerecht: „Wo´s Herzerl weit ischt, do ischt o des Haus nit z ´eng.“, haben wir GäMsen uns richtig wohl gefühlt.

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Text Kathi

An dieser Stelle möchte ich als Gruppenleiter noch etwas anfügen.

Ein ganz besonderer Dank gilt den Menschen, die mit ihren Fördergeldern diese Fahrt erst möglich gemacht haben. Eine Auflistung derer findet ihr unter der Rubrik „Sponsoren“. Mein Eindruck ist, dass wir alle unserem angestrebten Ziel recht nahe gekommen sind, nämlich den Gedanken an die Krankheit in den Hintergrund zu drängen und durch den Einsatz vieler helfenden Hände eine Barrierefreiheit auch auf einer Hochgebirgshütte zu erreichen, was viele Skeptiker für unmöglich hielten.

Danke dafür.

Dann möchte ich unseren freiwilligen und unermüdlichen Helfern danken, die einen tollen Einsatz gebracht haben, ihren Urlaub für diese Fahrt eingesetzt haben und mit Fröhlichkeit und Hilfsbereitschaft immer zur Stelle waren. Ohne sie und ihre aufopfernde Bereitschaft zur Hilfe, wäre eine solche Aktion nie möglich gewesen. Ich freue mich jetzt schon über viele weitere Gruppenfahrten mit euch, wenn auch eine solche Größenordnung wie die Jamtalhütte erst wieder in ein paar Jahren der Fall sein wird.

Auch euch vielen, vielen Dank und macht bitte weiter so.

In der Rubrik „Galerie“ findet ihr viele weitere Fotos, die ich aus den etwa 4000 mir zur Verfügung gestellten herausgesucht habe. Schaut sie euch an und habt vielleicht auch ein wenig Spass beim durchsehen.

Liebe Grüße, der „Gämsen-Peter“